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Mag. phil., Bakk. phil. Gábor Fónyad


Dissertationsprojekt:

Sekundäre Prädikate im Deutschen. Projektion oder Konstruktion - oder beides?
(Arbeitstitel)

Angaben zur Person

Curriculum Vitae

Ausbildung:

geb. 1983 in Wien

2002: AHS-Matura am Akademischen Gymnasium Wien

2003-2009: Diplomstudium Deutsche Philologie an der Universität Wien

2003-2007: Bakkalaureatsstudium Hungarologie an der Universität Wien

seit Oktober 2007: Master-Studium Finnisch-Ugrische Sprachwissenschaften an der Universität Wien

Oktober 2004 - Jänner 2005: Studium an der Karl-Franzens Universität Graz

Oktober 2006 - Juni 2007: Sprachwissenschaftliches Studium an der University of Sussex (England) im Rahmen eines Erasmus-Stipendiums

seit 2010: Doktoratsstudium Deutsche Philologie an der Universität Wien


Wissenschaftlicher Werdegang:

seit März 2008: Freier wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Kommission für Linguistik und Kommunikationsforschung, Forschungsschwerpunkt Neuro-psycholinguistik

seit Oktober 2009: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Finno-Ugristik der Universität Wien, im Projekt: „Ob-Ugric Languages“ (Teilprojekt des „European Collaborative Research“-Programms „EuroBABEL“)

Themenschwerpunkte

  • Grammatik des Deutschen
  • Syntax
  • Grammatiktheorie
  • Sprachtypologie
  • Finno-Ugristik (insbesondere Ungarisch, Mansisch und Marisch)

Kontakt: gabor.fonyad(at)univie.ac.at

 

Angaben zum Dissertationsprojekt

Sekundäre Prädikate im Deutschen. Projektion oder Konstruktion - oder beides?

Nähere Beschreibung des Dissertationsprojekts

Im Mittelpunkt der Dissertation steht die Frage, wie die sogenannten sekundären Prädikate im Deutschen adäquat beschrieben werden können. ‚Sekundäre Prädikate‘ werden in der traditionellen germanistischen Terminologie u.a. als ‚Objektsprädikat(iv)‘, ‚Prädikativ(um)‘ oder ‚prädikative Ergänzung‘ bezeichnet. Die im Weiteren zu skizzierende Forschungsfrage habe ich folgendermaßen definiert: Wie sind die sekundären Prädikate im Deutschen strukturell beschaffen und wie sind sie zu erklären vor dem Hintergrund des grammatiktheoretischen Konfliktes von projektionistischen und konstruktionistischen Ansätzen? Aufgrund der bisherigen eigenen Forschungsarbeit lassen sich gemäß der theoretischen Auswertung folgende Unterformen der sekundären Prädikate erkennen: I. depiktive sekundäre Prädikate wie etwa (1) Hans trinkt den Kaffee heiß, II. resultative sekundäre Prädikate wie etwa (2a) Peter röstet den Kaffee schwarz, (2b) Lisa tanzt ihren Partner müde, (2c) Paul fischt den Teich leer und III. direktive sekundäre Prädikate wie etwa (3) Lisa niest die Serviette vom Tisch. Vereinfacht gesprochen bedeutet das, dass jeweils zwei Prädikationen vorliegen, z.B. Hans trinkt (primäre Prädikation) und der Kaffee ist heiß (sekundäre Prädikation). Die konkreten, sprachspezifischen Ergebnisse der Dissertation können für ähnliche Untersuchungen in anderen Sprachen herangezogen werden.
Die Arbeit – die sich als ein Beitrag zur sprachwissenschaftlichen Grundlagenforschung versteht – ist in drei große Arbeitsschritte unterteilt, wobei der Schwerpunkt aufgrund ihrer größeren syntaktischen Komplexität auf den resultativen sekundären Prädikaten liegt: 1. resultative sekundäre Prädikate und Partikelverb- (z.B. auf-essen) bzw. Direktivkonstruktionen, 2. resultative sekundäre Prädikate und Aspekt/Aktionsart und 3. diachrone Entwicklung der sekundären Prädikate.
Der syntaktische Status von sekundären Prädikaten ist in der gegenwärtigen Grammatiktheorie umstritten. Vor allem sogenannte Projektionstheorien haben Schwierigkeiten mit ihnen und ordnen sie nicht selten als „Sonderfall“ oder „Ausnahme“ der Peripherie zu. Diese Situation kann verdeutlicht werden, indem man das jeweilige sekundäre Prädikat weggelässt: (1‘) Hans trinkt den Kaffee und (2a‘) Peter röstet den Kaffee sind grammatische Sätze, wohingegen (2b‘) *Lisa tanzt ihren Partner, (2c‘) *Paul fischt den Teich und (3‘) *Lisa niest die Serviette gegen die Gesetzmäßigkeiten der deutschen Grammatik verstoßen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum und worin sich die scheinbar so ähnlichen Konstruktionen (1), (2a), (2b), (2c) und (3) dennoch unterscheiden. In der Grammatiktheorie stehen einander grundsätzlich zwei Modelle gegenüber: der projektionistische (kopfbasierte, lexembasierte) Ansatz und der konstruktionistische (konstruktionsbasierte, phrasenbasierte) Ansatz (vgl. Welke 2009, Müller 2010: 387-426). Projektionstheorien, wie etwa die Valenztheorie, nehmen an, dass alle nötigen Informationen im Verb (dem ‚Kopf’) bereits enthalten sind und dieses Verb den Satz (die Phrase, die Konstruktion) herstellt (‚projiziert’). Konstruktionistische Theorien, wie v.a. die Konstruktionsgrammatik, beschreiten den umgekehrten Weg: Sie gehen vom Primat der Konstruktion aus, in die erst in einem zweiten Schritt ein Kopf eingefügt werden muss. Die beiden Ansätze stehen einander diametral gegenüber: Im einen Fall ist der Kopf zuerst und dann die Konstruktion vorhanden, im anderen Fall ist die Konstruktion vor dem Kopf da.
Vor dem Hintergrund dieser zwei einander vermeintlich ausschließenden Theorien erscheint eine Untersuchung der sekundären Prädikate als sehr vielversprechend, da diese sowohl die gängigen projektionistischen Modelle als auch die sich als Alternative anbietende, in letzter Zeit an Einfluss gewinnende Konstruktionsgrammatik auf die Probe stellen. Eine projektionistische Analyse versagt bei den problematischen Konstruktionstypen (2b), (2c) und (3): In (2b) und (3) ist das Verb intransitiv und lässt folglich keine Argumente zu. In (2c) dagegen ist das Verb zwar transitiv, fordert aber ein anderes Objekt (vgl. die Ungrammatikalität von *den Teich fischen) und erlaubt kein resultatives sekundäres Prädikat. Das sekundäre Prädikat ist ebenso nicht in der Valenz des Verbs enthalten. Dennoch sind sowohl (2b), (2c) als auch (3) grammatische Sätze. Konstruktionistische Theorien meinen darauf eine Antwort zu haben: In die jeweilige, bereits existierende Konstruktion (z.B. (2b) Lisa ___ ihren Partner müde) wird erst nachträglich ein Verb eingefügt, wodurch die Bedeutung der Verbvalenz stark relativiert wird. Die Zweifel um die Projektionsfähigkeit des Verbs erübrigen sich damit weitgehend.
Meines Erachtens eröffnet eine Synthese der beiden Modelle neue Wege. Verben projizieren durchaus Phrasen, allerdings sind sie nicht allein entscheidend: Konstruktionen – die wohl eine größere Rolle spielen, als bislang angenommen – können eine (temporäre) Veränderung der Eigenschaften von Verben bewirken. Die auf den ersten Blick spezifisch syntaktische Fragestellung, ob der Prozess einer Projektion oder eine Konstruktion oder beides vorliegt, führt bei näherem Hinsehen weit über den Fachbereich der Grammatiktheorie hinaus. Sie ist nicht nur für ein besseres Verständnis der menschlichen Sprache fundamental, sondern liefert darüber hinaus aufgrund ihrer Verortung an der Schnittstelle zwischen traditioneller und kognitionswissenschaftlich beeinflusster Linguistik einen wichtigen Beitrag zu benachbarten geistes- wie naturwissenschaftlichen Disziplinen (Psychologie, Philosophie, Psycholinguistik, Sprachevolutionsforschung), deren Ergebnisse wiederum in die sprachwissenschaftliche Grundlagenforschung einfließen. Die Dissertation schließt somit an aktuelle Diskussionen innerhalb wie außerhalb des Faches Sprachwissenschaft an.

Referenz:
Müller, Stefan (2010): Grammatiktheorie. – Tübingen: Stauffenburg (= Stauffenburg Einführungen 20).
Welke, Klaus (2009): „Valenztheorie und Konstruktionsgrammatik.“ – In: ZGL 37, S. 81-124.

Schlagwörter: Grammatik des Deutschen, Syntax, Grammatiktheorie, Sprachgeschichte

Persönlicher Kommentar

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Germanistische Sprachwissenschaft
Univ.-Prof. Dr. A. N. Lenz
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Letzte Änderung: 18.05.2016 - 11:42